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  • brandt91

Das Interview mit Christian Wiesenhütter – Fährschiffe im Beruf und ganz privat

Aktualisiert: 3. Mai


Diese Woche stellen wir euch mit Christian Wiesenhütter jemanden vor, den Schiffe, speziell Fährschiffe, privat aber auch beruflich immer begleitet haben. Christian wuchs bereits mit der Affinität zu Schiffen auf, denn schon sein Urgroßvater war Kapitän.

Auf seinem späteren Werdegang begleitete ihn beim Deutschen Reisebüro (DER) und später der IHK Berlin die Schifffahrt stets und in jeglicher Form, und sogar heute, im Privaten, kann er nicht von ihr ablassen. Aber lest selber:



Die Seefahrt war dir ja in "die Wiege gelegt", welche Erlebnisse haben dein Interesse und deine offensichtliche Leidenschaft für Schiffe und speziell Fährschiffe noch geprägt?


Tatsächlich war es wohl so. Mein Urgroßvater mütterlicherseits war Kapitän, zum Schluss auf der seinerzeit größten Fünfmastbark mit Hilfsmotor der Welt, der Maria Rickmers. Übrigens eine spannende Geschichte, in Kurzform nachzulesen bei Wikipedia. Sein Sohn, mein Großvater, fuhr dann eine Zeitlang als Reiseleiter beim Norddeutschen Lloyd, erlebte so den Ausbruch des ersten Weltkriegs auf einer Nordlandkreuzfahrt. Auch spannend. Meine ersten Berührungen mit der Schifffahrt sind dagegen eher harmlos: Als Kleinkind waren sooft wie möglich Wannsee und Havel mein „Revier“, die erste Hochseefahrt ging 1956 nach Helgoland, da war ich vier Jahre alt. 1959 begann mein Fährschiffzeitalter: Staunend habe ich das An-Bord-fahren in Großenbrode-Kai beobachtet. Den Durchbruch für meine Leidenschaft aber waren dann wie bei Kai Ortel die Dänemark- und Schwedenreisen mit Eltern und Geschwistern 1960-65. Das habe ich so später beruflich fortgesetzt, als Reiseleiter für Ameropa auf Silvesterfahrten und als Bereichsleiter beim Deutschen Reisebüro, verantwortlich auch für die Fährschifffahrt. Da habe ich dann viele Schiffe der 80er Jahre kennengelernt. Aber auch im Rahmen meiner Tätigkeit in der IHK Berlin haben wir mit weiteren Unternehmen und Kammern die Entwicklung des Hafens Rostock nachhaltig unterstützt.

Was sind die deutlichsten Unterschiede der Fährschiffe in den 1970/80er Jahren und den heutigen Schiffen im Fährverkehr?


Die Schiffe der 70er Jahre waren ja noch bedeutend kleiner. Zwar waren nach und nach zwei Autodecks die Regel, doch der Lkw stand noch nicht so im Fokus wie heute. Service und Ausstattung war auf vielen Fähren hochwertiger als heute. Das änderte sich alles, als 2004 der Duty-Free-Verkauf bei EU-Verbindungen eingestellt werden musste. Daher finden wir Dir komfortabelsten Schiffe heute im Norwegen-Verkehr und auf den Linien, die die Åland-Inseln (Ausnahmeregel) berühren. Zusätzlich haben auch der Kanaltunnel und Billigflieger Passagiere abgezogen-besonders im Englandverkehr.



Fehlt dir Heute etwas an Bord, was es damals gab?

Was ich vermisse? Auf vielen Routen gibt es keine Restaurants mehr mit Bedienung, der Typ des klassischen Schiffsoberkellners ist so gut wie verschwunden, leider.

Was ist für dich das Besondere an Fährschiffen, auch im Vergleich zu Kreuzfahrtschiffen?


Fährschifffahrt ist heute mehr denn je Teil einer produktiven Logistikkette von A nach B. Wer kreuzfahrtähnliches Flair auf Fähren erleben will, was es ja auch noch gibt, braucht eine gute Beratung. Bei Kreuzfahrten stehen Passagier und Schiffsausstattung im Vordergrund, weniger der Transport von A nach B. Ich mag keine Kreuzfahrten, bei der eine Strecke mit weniger als 10kn zurückgelegt wird, nur damit die Nacht rumgeht. Auch eine Ostseefahrt mit Kreuzfahrtschiffen käme für mich nie in Betracht, eher Routen, bei denen auch Kilometer zurückgelegt werden, über den Atlantik oder durch Suez- oder Panamakanal, eben dort, wo keine Fährschiffe fahren. Fähren haben eine Funktion für die Volkswirtschaft, sie erledigen gewissermaßen eine Pflichtaufgabe, Kreuzfahrtschiffe sind hingegen rein auf den Urlauber ausgerichtet (Kür).



Welche Fährverbindung und welches Fährschiff haben dich am meisten beeindruckt?

Am meisten positiv beeindruckt hat mich In den 80ern die SILVIA REGINA der Silja Line - seinerzeit eines der größten Fährschiffe überhaupt! Was für ein tolles Weihnachtsbuffet, unvergesslich. Ende März 2020 war ich dann wieder an Bord - auf einer ihrer letzten Fahrten zwischen Oslo und Fredrikshavn , freilich war sie nun als STENA SAGA m weiß-blau-roten Stena-Einheitsdesign unterwegs, längst nicht mehr so prächtig wie einst.

Aber es gab auch negative Eindrücke, die haften blieben. Ich denke da etwa an größere Löcher auf dem Oberdeck eines Schiffes im Mittelmeer, richtige Rostkrater, auf solchen Schiffen will man nicht wirklich unterwegs sein.


Gibt es tatsächlich eine Fährverbindung, die dir (trotz intensiver Reisetätigkeit) noch fehlt?


Oh, mir fehlen schon noch eine ganze Menge - im westlichen Mittelmeer war ich noch gar nicht unterwegs. Gott sei Dank war ich dafür viele Jahre lang zwischen den griechischen Inseln unterwegs, zuletzt vor drei Jahren zwischen Volos und Skopelos.



Was machst du als erstes, wenn du an Bord eines Schiffes gehst?

Zuerst geht es in die Kabine, dann folgt eine ausführliche Schiffsbesichtigung, immer von oben nach unten. Spannend finde ich es auch, das An-Bord-Fahren der Fahrzeuge zu beobachten. Es folgt ein Drink an einer Bar, dann bin ich auf dem Schiff richtig angekommen.



Christian Wiesenhütter, Jahrgang 1952. Nach dem Wirtschaftsstudium in München und dem Studium der Betriebswirtschaft in Hamburg begann der Diplom-Kaufmann sein Berufsleben beim Deutschen Reisebüro (DER) zuletzt als als Bereichsleiter Bahn/Bus/Schiffsverkehr mit Handlungsvollmacht. Er wechselte 1990 zur Industrie- und Handelskammer zu Berlin, zunächst als Abteilungsleiter Verkehr und ab 2003 als Stellvertretender Hauptgeschäftsführer. Nach dem Ausscheiden aus der IHK ist er seit 2018 Berater für eine Reihe von Unternehmen und Stiftungen. Zusätzlich war und ist er in verschiedene Aufsichtsräten, Beiräten, Stiftungen und Vereinen tätig.



Christian Wiesenhütter und Patrick Brandt während einer Reise mit dem SKAL Club Berlin im Seafood Restaurant auf der MS Silja Symphony von Tallink Silja Line.

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